
Die
110 m lange Fähre lief 1966 im französischen La Seyne
als "Fred Scamaroni" vom Stapel. Nach mehreren Besitzerwechseln
fuhr sie ab 1988 auf der Linie Suez - Safaga - Dschidda (Saudi-Arabien);
Die Passagiere waren meist ägyptische Gastarbeiter in Saudi-Arabien.
Auf dieser Fahrt kollidierte sie am Abend des 14. Dezember 1991
10 km vor dem Hafen von Safaga mit dem Riff Sha'ab Jean Francois,
offenbar weil der Kapitän aufgrund von Maschinenproblemen
eine Abkürzung gewählt hatte. Offiziellen Angaben zufolge
waren 690 Passagiere an Bord, inoffizielle Berichte schätzen
diese Zahl auf bis zu 1.600. Nach einem massiven Wassereinbruch
kippte die Fähre auf die Seite und sank innerhalb von sieben
bis zehn Minuten. Rettungsboote oder -flöße konnten
nicht ausgesetzt werden. Viele Passagiere befanden sich unter
Deck und hatten kaum eine Chance, sich zu retten. Offenbar gab
es auch keine Warnung oder Anweisung, das Schiff zu verlassen.
Einer Krankenschwester, die sich nach der Kollision bei einem
Schiffsoffizier erkundigte, was geschehen sei, wurde gesagt, es
sei nichts Besonderes passiert und sie solle wieder in ihre Kabine
gehen. Hätte sie diesen Ratschlag befolgt, wäre sie
ertrunken. Stattdessen sprang sie über Bord und klammerte
sich an ein Wrackteil.
Bürokratie
und Nationalismus verhinderten eine zügige Rettungsaktion.
Die ägyptische Marine wartete mit einem Auslaufen bis zum
nächsten Morgen, lehnte aber ein Hilfsangebot der US-Marine
ab. In Safaga wurde mir erzählt, die Marine habe nichts unternommen,
weil der zuständige Offizier auf einer Party und nicht zu
erreichen gewesen sei. Viele Schiffbrüchige wurden von Tauchbooten
aus Safaga gerettet, andere trieben an den Strand.
Die genaue Anzahl
der Opfer ist unbekannt. Nach offiziellen Angaben befanden sich
654 Personen an Bord, von denen 448 ertranken. Von Tauchguides
in Safaga war jedoch zu hören, daß die tatsächliche
Anzahl der Opfer weit höher gewesen sei. Vielfach wird von
800 bis 1000 Toten ausgegangen. Sollten die hohen Angaben von
etwa 1.600 Passagieren stimmen, dann sind es sogar noch erheblich
mehr. Der Untergang der "Salem Express" gehört
damit zu den schlimmsten Schiffskatastrophen der Seefahrt in Friedenszeiten.
Es scheint aber Leute gegeben zu haben, die sich dadurch nicht
von Räubereien haben abschrecken lassen. Von einem Tauchguide
habe ich Horrorgeschichten über regelrechte Leichenfledderei
gehört, die zu scheußlich sind, um sie hier detaillierter
wiederzugeben; in jedem Fall findet man deutliche Hinweise auf
systematische Plünderungen.
Das Wrack liegt in 30 m Tiefe auf der Steuerbordseite auf hellem
Sandgrund. Schon in 12 m Tiefe erreicht man die Backbordseite.
Von der Wasseroberfläche aus wirkt das Schiff mit seinen
enormen Ausmaßen wie ein schlafender Riese. Um das Wrack
herum sind Besitztümer der Passagiere verstreut - unter anderem
Kinderwagen, aufgebrochene Koffer mit Kleidern, Fernseh- und Videogeräte
und vieles andere. Zwei Rettungsboote liegen noch auf dem Grund,
zwei wurden offenbar geborgen. Die Backbordschraube steht im Freiwasser.
Beeindruckend ist das Spiel von Licht und Schatten in den Aufbauten.
Durch teils zerbrochene Fenster sieht man in die Kabinen mit schlichten
Doppelstockbetten und zerfallenden Matratzen. Auf dem oberen der
beiden parallel liegenden Schornsteine erkennt man das "S"-Emblem
der Reederei Samatour Lines, auf dem Weichkorallen wachsen. Die
Brücke mit ihren großen Fenstern wurde systematisch
ausgeräumt; von den Instrumenten sieht man nur noch lose
herumhängende Kabel. Im Brückennock ist noch ein Maschinentelegraf
zu sehen. Das Bugvisier ist aufgeklappt.

Der
Tauchgang an der "Salem Express" war für mich ein
recht bedrückendes Erlebnis, das einen die Frage nach den
Grenzen des Tauchtourismus stellen lässt. Wie sich aus Gesprächen
an Bord des Tauchboots ergab, gibt es aber leider genug Menschen,
die gerade die Aussicht, den Schauplatz einer Katastrophe und
menschliche Überreste zu sehen, "cool" finden -
eine widerwärtige Erfahrung.
Interessant ist die "Salem Express" aber als Biotop
- man kann sehr schön erkennen, wie schnell die Besiedelung
geht und wie sich verschiedene Korallen- und sonstigen Tierarten
die verschiedenen Licht- und Schattenzonen aufteilen. So sind
auf der Oberseite schon viele Steinkorallen, auf der schattigen
Seite mit den Aufbauten aber Weichkorallen zu erkennen. Der Fischreichtum
ist groß, anzutreffen sind z.B. verschiedene Doktorfischarten,
Makrelen, Schnapper, Barben oder Barrakudas. Auch eine Muräne
glotzte mal aus einem Bullauge. Trotzdem: Die Frage, ob dieses
Massengrab als Tourismusattraktion geeignet ist, stellt sich einem
schon.